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Vermischte Gedichte

Als Dessert zu den Themen dieser Seite habe ich noch einen bunten Mix bereitet. Zwei mokante Gedichte läuten ihn ein, die sich mit sakrosankten Sujets anlegen: der deutschen Einheit und bürgerlicher Moral ala Goethe. Wie wir wandeln rundet die Serie von Texten dieser Seite ab, die in Wortvision mit Bildern verknüpft sind. Eine Art Fazit poetischer Aktivität zieht mit Schlusstitel Der Dichter auf dem Friedhof, bevor ich mich mit einem längeren Text verabschiede, welcher eine Quintessenz meiner Beschäftigung mit dem mir am Liebsten gewordenen Dichter zu formulieren versucht: Georg Trakl.

 

„Tag der ‘deutschen' Einheit“

Trubel-Jubel
in Kneipen und Festsälen
Fanfaren tönen
Gläserklirren gesetzliche Hymnen
aus allen Bildschirmen und Lautsprechern

Im finstren Park neben
der abgeschraubten Bank
bedeckt mit Fallaub
summt ein Penner
die Internationale

 

Vitaler Imperativ
(für Goethe)

Wer nie sein Brot mit Tränen aß,
der dient am Ende auch als Aas.
Wer oft aus Wehleid aß sein Brot,
der ist am Ende trotzdem tot.

Das lautet zynisch, dünkt verschworen -
obwohl wir drum verbiestert schmoren.
Es scheint - im Sinne doppelt - Tor,
wer solches Mucken nicht verlor.

Wir müssen wie ein Mühlrad eiern,
die Wochen sauern, Feste feiern:
Dadurch ist mancher Leib vertan. -
Das stetig Lustvolle zieh' uns hinan!

 

Wie wir wandeln   wiewirwandeln - Wortvision

die rund gespülten Steine
auf dem schmalen Weg
zwischen Felsen und Meer
her und hin geworfen

sogar weich scheinen sie
im verschmolzenen Schatten
und rundum weiter als er
reicht unser leuchtender Blick

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versenkt über offener Kladde
ins Kritzeln den Atem aussetzend
wollte er sich einen Reim machen

da knistert erstes Laub im Gras
das Eichhörnchen hüpft vorbei
und stört sich nicht an ihm

den letzten Vers
hat indessen vergessen

der Dichter auf dem Friedhof

 

Trakl-Eroticon
Heidi Damerius in Verehrung

es sind geborene Enkel
die nach dir suchen
es sind Schwester und Bruder
die dich wesen in allen Geschlechten
ein Schweigendes erscheinst du
verlockst ins Konzert der Worte
wo die Seele ein Fremdes ausblutet
es sind einsam Gepaarte
die suchen dir nach in verfallenen
Versen wo du hingegangen
mit deinem blauen Schritt

und blaue Höhle Kindheit sucht,
nie ganz geborener Fremdling,
das Verschwisterte
leid des Spalts der Generationen und Moden
sucht durch alle Fußnoten und hinter den Zeilen
deiner schönen Stadt, folgt dir zurück
über Stege aus Leichen und silbernem Dämmern -
verschwunden der Wohllaut deiner Wiege
vergraut der ertaubte Marmor, der Engelskeller
drapiert ein paar Reste deines Hinterlassens
konserviert ein Hauch, virtuelle Schatten von dir
versiegelte Bände um deinen Wortschatz

niemals zur Gänze Geborenes
nie mehr entschlüpft
den goldenen Kreuzfesseln
aus denen du unlebbar untergingst
wo Lust nur lebt als Besitz und Sünde
so schmerzlich gut und wahrhaft warst
du versungen in Larve und Offenbarung
deiner wollüsternen Reinheit
immerdar aufgetrennt und zugenäht:
ausgesungen hast du vollkommen
kristallklare Dunkelheit

neu und doppelt Geborener aus tönendem Dunkel
dessen Wehen der Mohn bestäubte
sind so bange Tage kommen
der verdüsterte Frühling einziger Liebe
das Schlachtwerk des Abendlandes
im verfluchten Geschlecht
Schrecken und Schmerz wurden Melodie
der klagende Wohllaut malt Gestalten
die sich verschwistern und schmelzen
in wärmenden Farben verwesen
wo sich Bild an Bildchen reiht
und alles immer stimmiger sich mischt verwandelt gebiert

es sind immer noch kaum geborene Urenkel:
wir Davongekommenen, blasse Schritte im Blutnebel,
an Mauern und Feuerschlünden wimmelt sich Menschheit ab
wie scheint doch alles Werdende so krank
den Überlebenden der Massaker nicht lebbaren Lebens
Schwester und Bruder bleiben getrennt
und was bleibt ist die Seele ein Fremdes auf Erden
wir finden einander
es sind Jünglingin und Mädchener
verfallen in die dunkle Erleuchtung
deiner umschlingenden Musik
ein Geschlecht

 

 

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