Bildlichkeit, Harmonie und Bindung fand Lyrik seit je in der Natur. So sehr dies heute fremd oder gar zerstört ist, kann ich mich nicht davon lösen. Meine ersten beiden Beispiele von Naturgedichten wenden den Blick zu Himmel: Zunächst zur mythisch-erotisch und weiblich erlebten Mondin, dann zum Regenbogen, wo das Gegenstück zur Mondin maskulin Sol heißt. Die drei folgenden Texte entsammen meiner Liebe zur Ostseeinsel Rügen, zunächst kommt ein hölzernes Strandgut ins Bild. Danach stillt Jasmund, der naturwaldbelassene Nationalpark mit den berühmten Kreidefelsen, anschließend sind wir Gäste in Dwasieden, einem Waldgebiet mit ehemaligem Schlosspark und Militärgelände nahe dem Hafenstädtchen Sassnitz. Drei dieser Gedichte sind mit Fotografien entstanden, in die eingebunden man sie betrachten kann, wenn man auf "Wort Vision" bei den Titeln klickt.
Mondin
haucht mundig
aus weißer Haut
prall und zart
ihre Sichellippe schattet weich
krauses Blau über Nacht
atmet auf Erde den Sog
eine Milchbrust mit Silbertau
und Schamhaarbüschel schwimmen
duftnah schleierlos
das volle Antlitz
mundigen Namens
speit speichlige Fruchtwasser haucht
durch Dunkeln und Leuchten
alles rausches Gewoge
zu ruhen in ihren Schoß
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Irisbogen Vision |
die Küste von Blendung und Schatten
schneidet aus
die Scheide von Steinen und Meer
lagert ab
Licht zog, Durst trieb
hinauf und zu Grund:
aufgegabeltes Skelett liegt noch
schräg gestreckt und blank verhungert
war dem nicht gewachsen
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unterm Buchenbaldachin verstummt der Wind
streichle einen Hund und Rehe schauen zu
alle Wanderer verlaufen sich in Klippengründen
Verdämmern rieselt durch den grünen Pelz
wie eine Schneeeule brütet Dunst auf der See
dazwischen leuchtet Kreide, wolkenschwer und bergeleicht
am Hünengrab verkriecht sich eine Natter
und langsam sinken Wurzeln in den Hang
den nimmersatt die Schaumzungen benaschen
einen Speicher voll Bildern will ich ernten und
Träume an einen schlanken Stamm binden
bis sie fremde Mauern verzehren
singen sie Ja und halten zum Küssen still
Gäste in Dwasieden
Farne, Brombeeren und Königskerzen,
von gesprengten Schlössern träumend,
ziehen einen grünen Vorhang
über vergebliche Verheerung
unter hellen Blößen im Kronendach der Buchen
gibt's kein Dach im Felde der Ruinen:
halb entsorgte, halb begrabene Betonskelette,
worin die Mordgeräte und Gefreiten lauerten
Ameisen marschieren nun auf Asphaltstraßen
von der verdufteten Armee ist hinterblieben
nichtmal das Nationale und das Volk
bald schon gleichen Erdbunker den Hünengräbern
Rostzäune und „Privatgelände“ sperren weiter aus
sei Urian, weide dich an Verfall
und Wildwuchs; lass die Hagebutten röten
in der blühendsten aller Landschaften
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