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Der flüchtige Mensch

Ein Stigma unserer Zeit ist die Flüchtigkeit, ein Begriff, um dessen Vieldeutigkeit die folgenden Gedichte kreisen. Eine etwas schizoide Hin- und Herflucht beschreibt privatim, während sich Narziss in einem bloßen Bild seiner selbst auflöst. Erstickende Ausflüchte drängeln sich in der Smogepoche, einen Happen wohltuender Einsamkeit erflieht sich dann Auszeit. Auf dem Dorfriedhof sucht sich schließlich eine alte Frau ihre letzte Rückzugsstätte.

 

privatim

entriegle ich die Tür und
verlege mich nach draußen -
mein Schatten bleibt
drinnen angebunden

geknebelt und gefesselt
an jeder Extremität
liegt er auf dem Bett
und fügt sich ohne Murren

unter grauer Larve eile ich
zu den Geschäften, schwatze mich
zu Waren und Erfolgen -
wenn nur nichts durchscheint

er harrt indessen seines Wärters
räkelt den durstigen Leib
leuchtet bunt und lächelt stumm
bis wir uns wieder einen

dann nachten wir und tagen
über Verliese und Exklaven
wer von uns mehr Leid oder Lust habe
wo wir gemeinsam wesen könnten

 

Narziss

vorm Spiegel allein verkehrt noch
mit sich ein Schatten seines Bildes,
ertaubt von allzu blendender Enge

vom eigenen Atem ist beschlagen
die Fläche, im Trüben verkräuselt
vielleicht ein Regenbogenflimmer

den suchst du unter deiner Iris,
das Gesicht so tief im feuchten Film,
dass du ertrunken bist

 

Smogepoche

dem Rumpf den Wänden intus
mittendrin in jeder Umwelt
schwindelt die Leere blauneblig
zündelt Gelüste durch Verbrauchers Eingänge

die Schlote glühn auf Hochtour Auspuffe
werfen luststillende Produkte aus
blenden Landschaft und Aug mit buntem Star

erst schmoren Kragen und Laken an
Bronchien sogar Kunststeine schwelen amorph
dann wächst Wüste aus hustwütigem Ruß
bis alle Lüste abgefackelt sind
zu grauem kalthungrigem Bedürfen

gebrannter Säugling scheut den Qualm
toter Einsüchtler lernt riechen
sie schneuzen Beklemmung
knebeln sich Gier
aus den Wünschen
bis ihnen eine Luft aufginge

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Auszeit

die schmale Bank zwischen
Rahmen und Bogenhanf:
dein Plätzchen, abseitig
zu kauern, in die zerleuchtete Nacht
hinaus den Kondensatem zu pusten

am Fensterspalt jucke
ein wenig, wo die Kletten krallen
aller Wimmelgesichter, aller Schnappmäuler
puhle im Kleister des Vortags
unter Nägeln und Hirnschale

ein Zitzchen für kühlen Atem
der keine Worte abreiben muss
doch ihr Nachleiern kannst du
nicht abschalten, nicht leimen
die Bruchstücke der Zeit

die Uhr sagt: zurück
da rührt dich Lauschen an
umwebt mit frierender Seide
ein Regenguss! wäscht Schweigen
am abseitigen Spalt:

dass Einsamkeit wäre allein!

 

Dorffriedhof

mit Gelächter und Radio
mähen junge Leute
eine Wiese frei
für Fallobst

abseits
die geneigte Schale
im blassroten Mauerrand
drängeln Steinmale
glänzend geschliffen

nach ihrer Lücke
stockgestützt sucht
die alte Frau
hinter ihren Lippen
spazieren eingravierte
Namen noch einmal

 

 

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