Zur Abwechslung und Abrundung soll hier ein Stück Prosa nicht fehlen. Dem Seilgänger auf seinem wenig tänzerischen Weg zu folgen möge Assoziation und Identifikation anregen!
Der Seilgänger
Das Gehen auf dem Seil unterliegt besonderen Gesetzen: Kein Schritt darf dem Zufall überlassen sein, jeder muß in seiner Richtung, Schnelligkeit und Größe sowohl genauestens vorausberechnet als auch ausgeführt werden. Dies bedeutet, daß die Gedanken jeden Tritt mit Aufmerksamkeit bestimmen müssen, daß ihnen kein beliebiger unterlaufen darf, kein wahl- und willenloser Schlenker oder Hüpfer. Sie sind verpflichtet, sich und die Schritte stets in die gemäße Form zu zwingen, die keine Abschweifung duldet. Aber nicht nur der Geist, auch der Körper muß sich bis in seine letzte, vielleicht störende Faser bewußt sein und solche dem Gang unterordnen. Die Schmerzen, welche das Seil in die Fußsohlen drückt, dürfen noch nicht einmal zu einer Veränderung der Gesichtsmiene führen, da sie bereits das Gleichgewicht verletzen könnte. Auf unvergleichliche Weise erfährt der Geher so Proportionen und Schwereverhältnisse seines Körpers, da keine Bewegung ungewollt oder versehentlich falsch ablaufen darf. Diese stärkste Konzentration aller geistigen und körperlichen Kräfte, ihr nahtloses Zusammenspiel bedingt, ist sie doch tatsächlich bei jedem winzigen Schritt vonnöten, daß das Gehen bis ins Letzte konsequent, gerichtet und intensiv wird. Mit den Gedanken selbst verschmilzt es schließlich, wird zum Zeichen ihres Flusses, der sich mit Macht und Tiefe vorwärts schiebt.
Ich gehe auf dem Seil, seit es mich gibt. Das Gespür für seine Gesetze ist mir bis ins Instinkthafte eingeprägt. Jeden Schritt, ein Schwingen fein bewirkend, fühle ich in mir, muß ganz sein vorsichtiges, aber entschlossenes Tasten und Reiben am gedrehten Gewirk des Seiles sein. Über den Zwang, stets nach vorn zu gehen und auch zu blicken und dabei zu vergessen, das hinter mich Gegangene zu erforschen, welches doch für mein Schreiten genauso wichtig und würdig ist wie meine Gehrichtung, habe ich nie nachgedacht. Es scheint sich ebenfalls um eine mir längst zu eigen gewordene, unleugbare Gesetzmäßigkeit zu handeln. Stillstand ist mir verhaßt, obwohl ich ihn ab und an benötige, wenn meine Konzentration nachläßt und ich nicht mehr fähig bin, den Eigenheiten des Seils zu folgen, weil die Schmerzen in Füßen und Beinen unerträglich werden. Mit einer speziellen Technik lege ich mich dann zu einem erholsamen Schlaf nieder auf das Seil: Die Arme sind über der Brust verschränkt, während sich der Rücken exakt dem Seil andrückt; der Hinterkopf muß es in der schmalen Spalte seiner Mitte bergen, die Wirbelsäule preßt daran, vom Nacken zwischen den Schulterblättern hindurch zum Gesäß, durch dessen mittleren Öffnungsschlitz es führt, um die gekreuzten Beine an den Waden zu stützen. Einzig in dieser Stellung ist Liegen und damit Schlaf auf dem Seil möglich. Er währt, bis mich ein krampfer Schmerz im Rücken weckt, so daß ich endlich, an den Beinen erholt, meinen Gang fortsetzen kann.
Jener zyklischen Abfolge meines Lebens und Gehens entspricht auch die Ordnung des Seils. Niemals habe ich bemerkt, daß es sich in Dicke, Materialbeschaf-fenheit oder Straffheit während meines Weges im geringsten veränderte. Allerdings ist es nicht genau senkrecht zur Schwerkraft gespannt, sondern leicht nach unten geneigt, was das Gehen wesentlich unbequemer und schwieriger gestaltet als eine waagerechte Spannung oder eine nach oben gerichtete. Das Einzige, was außerdem für nicht mit ihm Vertraute auffällig wäre, ist seine Färbung und ihr regelmäßiger Wechsel. Es kommen vier Farben in einer stetig gleichen Reihenfolge vor: Grün, Rot, Braun und Weiß. Der Abschnitt einer Farbe entspricht einigen Gehphasen, jede Farbe ist so häufig wie die anderen. Ihre Strecken sind nicht mit einem Blick zu übersehen, erscheinen aber trotzdem niemals langgedehnt. Der Wechsel der Farben ist abrupt, ohne Übergang. Sie üben auf den Geher eine seltsame, fast magische Wirkung aus.
Die grüne Strecke wandelt mein Befinden immer positiv, die Schritte werden mühelos und leicht; es käme mir kaum in den Sinn, daß es jemals anders werden könnte. Aus diesen Gründen ist es verständlich, daß mir der grüne Abschnitt stets kürzer als alle ande-ren verkommt, was allerdings, wie ich durch Zählen meiner Schritte prüfte, pure Illusion ist. In Rot steigert sich der Übermut der vorangegangenen Strecke derart, daß er manchmal ins gegenteilige Extrem fallen kann. Rot ist deshalb stets erregend, aber sehr anstrengend, schon voll Vorfurcht auf das Kommende, was erklärt, daß Gehen dort oft allzu hastig oder ermüdend ist. Obwohl man sich dann unversehens in Braun befindet, will man es zu Anfang nicht wahr haben und bildet sich weiter Rot ein. Aber Braun ist da, das Drängende, Entschlossene liegt nun nieder; es stirbt Mut für Mut, Tritt für Tritt weg. Alle Wechsel, ihre Schnelle haben mich zu schnödem Überdruß geführt. Immer öfter überwältigt nun die braune Sperre, die nicht mehr nach vorn gehen lassen will, die Frage, wozu gehen und sich mühen, wieso nicht einfach liegen bleiben. Vorträumend zu Grün ist es weiß geworden. Man schleppt sich dahin, haßt die eigne dumme Schwäche und das Seil, geht aber trotzdem im bittren Weiß voran, da man auf das neue Grün hofft, das wieder sturen Mut mir leihen wird, weiter jenen vierfarbigen Seilkreis streng gerade, stetig abwärts hinzugehen.
Dergestalt mit mir selbst und dem Seil beschäftigt, bleibt kaum Zeit und Aufmerksamkeit für meine Umgebung übrig. Was ich dazu vermerken kann, ist der periodische Wechsel von Dunkel und Hell, um den ich mich wenig kümmere, da sich dies nur störend auf mein Gehen auswirken würde. So bevorzuge ich je nach Laune einmal die Dunkelheit, dann wieder die Helligkeit. Wenn ich in letzterer etwas ausschaue, bietet sich mir stets ein recht ähnliches Bild: Nach oben ist die Sicht immer in eine ungreifbare, dichte Grauheit verloren, sei sie eine Wand oder nichts. Zu beiden Seiten wallen meistens dicke, graue Dämpfe, durch welche selten, eine klare Weite, schönes Blau zu erblicken ist. Die Dämpfe quellen von unten herauf, decken die Sicht hinab meist gänzlich ab; ist sie dennoch möglich, fallen meine Augen in ein randloses Loch, das wahrlich erschreckend anmutet.
Alle diese Beobachtungen sind jedoch eher flüchtig gewesen, bis sich in der Tiefe etwas veränderte. Als die Grauschwaden wieder einmal dünner wurden, erkannte ich weit unter mir festen Boden, der unre-gelmäßig mit grüner und brauner Farbe gescheckt und dessen Ende nirgends zu erkennen war. Eine nie gekannte Neugier packte mich, dieses schier unglaubliche Phänomen näher zu untersuchen; ich beschleunigte meine Schritte, um dem Boden näherzukommen, da das Seil wie gewöhnlich schräg hinunterführte. Ich vergaß alles, was mich vorher beschäftigt hatte, und überlegte, ob dieser Boden das Ziel des Seils sei, ob er sein Sinn und sein Halt war, mußte es doch in dieser Richtung einfach in ihm verschwinden, was wäre anderes zu erwarten gewesen. Endlos langsam kam ich tiefer hinab, konnte Einzelheiten und Konturen, aber weiterhin nichts Auffälliges erkennen, bis ich endlich, nachdem ich mehrere Farbzyklen des Seils durchgangen war, was ich jedoch nicht mehr beachtete, dem Boden so nah war, daß ich, wenn ich mich mit dem Bauch auf das Seil legte, hinunter greifen konnte. Ganz schien das Seil den Boden nie zu berühren, obwohl ich merkwürdigerweise weiter glaubte, abwärts zu gehen. Der Boden bestand aus feinkörnigem, braunem Sand, der hin und wieder mit wunderbar frischem grünem Gras, sogar vereinzelt mit Blumen bewachsen war. Dies alles war mir so aufregend unbekannt, schön und verlockend, daß mich ein ungeheurer Gedanke ergriff: Warum nicht schlicht vom Seil abspringen, hinab, wenn dies wahrscheinlich doch das Ziel war? Es wäre ein Leichtes gewesen, aber ich wagte es nicht. Wußte ich, ob ich mich dort überhaupt bewegen konnte, ob dort dieselben Gesetze herrschten wie bei mir, hier auf dem Seil? Konnte ich dort gehen und existieren?
Aber den Boden berühren, ihn ein wenig erforschen mußte möglich sein. Also legte ich mich auf das Seil, hielt mich mit der einen Hand fest, um mich hinabbeugen und in den Grund greifen zu können. Es war ein fremdes, seltsames Gefühl, den zarten, warmen Sand zwischen den Fingern gleiten und fließen zu lassen, wenn man nie etwas anderes berührt hatte als das kalte Metall des Seils. Ich genoß es und versank völlig darin, begann Hügel und Gräben zu schichten, streute den Sand in mein Haar, um immer seinen Geruch um mich zu haben. Schließlich fing ich auch an, in ihn zu zeichnen, vage Striche, die eine mir selbst ähnlich Figur darstellen sollten. Aber solch flaches Einritzen allein genügte mir nicht, ich suchte nach Genauerem, wollte eine tatsächliche Form schaffen. Ich hatte festgestellt, daß der Sand mit meinem Speichel vermischt rasch zu einer harten Masse erstarrte. Dies machte ich mir zunutze und begann, mit meiner freien Hand mühsam eine Figur zu kneten und mich selbst, einen zweiten Menschen darin zu sehen. Es brauchte sehr lange, bis ich nach vielen Korrekturen und sogar gänzlichen Neuanfängen endlich einigermaßen zufrieden war. Doch trotz dieser Anstrengung fühlte ich mich keineswegs ermüdet, ich ließ die Figur liegen und kroch ein Stück auf dem Seil weiter, wo ich Gras und Blumen fand. Ich pflückte solche, die gleiche Farbe und Form hatten und trug sie und das Gras vorsichtig, um sie nicht zu zerdrücken, zu meiner Figur zurück. Ich hüllte nun den kleinen Menschen mit den Grashalmen in ein grünes Kleidchen, die Blumen dienten mir zu einem zartblonden Haarschopf. Als alles vollendet war, konnte ich es kaum genug betrachten und bestaunen, auf das Seil holen, zwischen Gras und Blumen setzen und mich besonders an den zaghaften, aber stets flinkeren, anmutig-leichten Bewegun-gen, die es vollführte, erfreuen. Zusehends wuchs es größer, konnte zu mir aufs Seil springen und wieder zurück, ja es begann gar mit mir zu reden, mit einer viel helleren und sanfteren Stimme als der meinen. Es war wohl das beeindruckendste Erlebnis, das mir all das Ungekannte brachte, obwohl es mir in Träumen und Sinnen schon vorgeahnt schien: Der Mensch sprach mit mir! Wir erzählten uns, was wir nur wußten und dachten, ich insbesondre vom Seil und meiner Vergangenheit. Der Mensch nahm mich bei der Hand, berührte mein Haar und forderte mich auf, das Seil zu verlassen; er wisse, wie unbequem und unsicher es dort sei. Er pries mir den Boden mit seinen Worten und seinen Händen, er flehte mich an, zu ihm zu kommen, immer bei ihm zu blei-ben und die freundliche Schönheit der Pflanzen und anderer Wesen, von denen er mir lange berichtete, mit ihm zu teilen.
Vieles zog mich zu ihm, aber meine alten, berechtigten Zweifel waren stärker. Auch fühlte ich eine Unrast, die mich wieder und weiter gehen hieß. Erst wenn das Seil ganz in den Boden führte, konnte ich dorthin gelangen und mußte wohl oder übel auch die Umstellung auf mich nehmen. Aber springen durfte ich nicht, ich mußte gehen. Der Mensch versuchte es mit Zorn und Bitten, wanderte neben mir, doch der Boden fiel jetzt steiler ab als das Seil, der Höhenunterschied nahm zu. Sein Rufen, ich solle rück-wärts gehen, schmerzte mich, vermochte jedoch nichts zu erreichen. Als der Abstand so groß war, daß wir uns nicht mehr die Hände reichen konnten, sah ich entsetzt, wie sein Gesicht staubig, das Kleid dürr und die Haare welk wurden. Schon sackte er zusammen und lag dort als ein Häufchen brauner Sand. Ich konnte den Anblick nicht ertragen, ging eiligst weiter und achtete streng auf die Farben des Seils und das Gehen, so daß, wieder nach einigen Farbzyklen, der Boden zunächst unter Rauch verschwand, der später manchmal neuerlich das grauenhafte Loch durchscheinen ließ, als sei es nie an-ders gewesen.
Erst jetzt wagte ich wieder, mich mit dem Boden zu beschäftigen, wissend, daß ich nie würde zurückkehren können. Wäre es nicht damals sehr einfach gewesen, das Seil zu verlassen, da ich doch den Sand und die Pflanzen fast schon geliebt hatte und ich auf dem Seil vielleicht nirgendwohin komme? Besonders quälte mich seit der Begegnung mit dem Men-schen ein Drang, wieder zu sprechen; durfte ich denn nie mehr zuhören und eine Hand berühren? Wie einfach stellte es sich damals vor...
Aber unumstößlich richtig war meine Entscheidung. Das Seil beinhaltet mein ganzes Leben, ich bin von ihm abhängig, auch wenn ich an ihm zweifle. Und wie schnell konnte ich die erhabene, tiefe Intensität, die Gewalt meiner Schritte und das schwindlig-feine Schwanken über dem Abgrund, die Antwort des Seils, vergessen. Wußte ich, ob ich auf dem Boden überhaupt stehen gekonnt, ob ich einen Instinkt für die Schritte, für ihre Richtung gehabt hätte? Es ist zudem unwahrscheinlich, daß ich den Verlust all des Gewohnten verkraften würde. Meine persönliche Entfaltung, mein Denken steckt im Gehen auf dem Seil, das hatte ich während meines Stillstandes gespürt, wo es mir körperliches Bedürfnis war, wieder zu gehen. Der Mensch, der Boden mit allen ihren Auswüchsen gehören nicht zu mir, sie dürfen nicht das Meine sein und hät-ten mich darum auch bald abgestoßen, gelangweilt. Bewies mir zudem nicht das Ende des Menschen, daß alles nur eine Täuschung oder zumindest eine Lüge gegen mich selbst gewesen war? Ich habe mittlerweile öfter ein sicheres Gefühl, der Boden sei eine Halluzination, eine Abschweifung meiner Gedanken gewesen, besonders, da er so wenig in die normale Umgebung des Seils paßte. Im Grunde genommen war es eine Sünde, mich so lange abhalten, sogar aufhalten zu lassen. Wer weiß, wo ich jetzt schon hingelangt sein könnte. Ich darf diesem Trug nicht gestatten, mich zusätzlich auch jetzt noch durch Störung meiner Konzentration zu belasten.
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